Februar 2020

Wut, Angst & Trauer – muss das sein?

Wut, Angst und Trauer - in einer idealen Welt gäbe es sie nicht. Oder? Wer will schon freiwillig traurig sein oder Angst haben? Und auch wenn sich Wut in gewissen Momenten durchaus stark anfühlen kann, wer würde sie nicht lieber eintauschen gegen unbeschwerte und ganz und gar glückliche Momente? Also tun wir, was nötig ist. Wir wischen (diese) Gefühle unter den Teppich, wir verdrängen sie in die hintersten Winkel unseres Bewusstseins, wir überspielen sie mit ausgeklügelten Strategien, wir lenken uns ab, was das Zeug hält – Hauptsache die Gefühle schweigen. Das alles in der Annahme, dass es uns besser geht, wenn wir sie nicht haben. 
Deshalb: In einer idealen Welt gäbe es vermeintlich negative Gefühle nicht. Oder? Ich weiss es nicht. Was ich weiss: Wut, Angst und Trauer gehören genauso zum Leben, wie all die schönen Gefühle wie Freude, Mut, Hoffnung, Zuversicht etc. Warum also nicht mal anders an die Sache ran gehen? Z.B. innehalten und den Gefühlen mit wohlwollender Achtsamkeit begegnen. Statt zu fliehen, aufmerksam in das Gefühl hineinhorchen und es genau betrachten. Die Idee ist, das Gefühl besser kennen und verstehen zu lernen. Wie fühlt sich die Angst an? Wo spüre ich die Wut? Hätte das Gefühl eine Farbe, dann welche? Was würde mir die Trauer sagen, wenn sie reden könnte? Dabei halte ich mir vor Augen: Ein Gefühl ist ein Zustand und jeder Zustand ist vergänglich. Und: Ich existiere unabhängig vom aktuellen Zustand. Ich beobachte das Gefühl aus guter Distanz wie eine Wetterlage. Ich betrachte die dunkeln Wolken und den kraftvollen Wind in den Bäumen oder höre das Rauschen der Wellen. Ich nehme wahr, was ist. Ich muss nicht beurteilen, ob es gut oder schlecht, richtig oder falsch ist. Es ist, wie es ist. Und so wie es ist, ist es Teil von mir. 
Selbst vom unternehmerischen Blickwinkel her betrachtet, kann man sagen: 
Je mehr Anteile ich von mir selbst kenne, desto mehr kann ich mein Potential entfalten. Je besser ich meine Gefühle wahrnehme, desto eher kann ich sie in ihrer Vielfalt integrieren und nutzen. Und das wiederum kann einem Arbeitsprozess nur dienen.

Und vielleicht stelle ich beim Versuch fest:  Meinen Gefühlen aufmerksam zu begegnen, ist auf Dauer  weniger anstrengend als vor ihnen wegzurennen. Und zudem eine gute Möglichkeit, mehr über mich selbst zu erfahren.


Dezember 2019

Um-Deutung

aus einem Coaching

P: Ich schaffe es eh nicht, mein Ziel zu erreichen.
Ich: Wie kommen Sie darauf?
P: Ich bin faul.
Ich: Sagt wer?
P: Man sagte es mir. Immer wieder. Eltern. Lehrpersonen etc.
Ich: Mit welcher Begründung?
P: Weil ich nur das Minimum und das Meiste auch noch im letzten Moment erledigte.
Ich: Wie waren Ihre Noten in der Schule?
P: Zwischen okay und sehr gut.
Ich lege drei Hindernisse auf den Tisch und dahinter ein symbolisches Ziel.
Ich: Stellen Sie sich vor, Sie stehen vor diesen Hindernissen und wollen zum Ziel. Was machen Sie?
Ohne einen Moment zu überlegen, antwortet die Person:
P: Ich gehe aussen rum.
Ich: Ist das nun faul?
P: Hm…
Ich: Ich denke, es ist intelligent.
P: Ach ja?
Ich: Den schnellsten, zielführenden Weg mit möglichst wenig Aufwand zu finden, setzt Intelligenz voraus. Sie schafften es, mit möglichst wenig Aufwand, okay bis sehr gute Noten zu erzielen. Das ist eine Leistung!
P: Dann bin ich also intelligent und nicht faul?!
Ich: Yes! Und wenn Sie sich ein Ziel setzen, werden Sie Ihre Intelligenz nutzen, um es zu erreichen. Wenn es bedeutet, Hindernisse dafür überwinden zu müssen (weil es keinen Weg daran vorbei gibt), werden Sie die Hindernisse überwinden (lernen).


Juli 2019

Un-Wörter

Unnötig
Unwichtig
Umweg
Unhaltbar
Unsäglich
Unmännlich
Unweiblich
Undenkbar
Unaustehbar
Unordentlich
Unqualifiziert
Unwahr
Unfug
Unzeitgemäss
Untauglich

Unkraut
Es war mal wieder Zeit.
Eigentlich schon längst überfällig.
Das Unkraut zwischen den Steinplatten musste weichen. Mit den entsprechenden Gartengeräten ausgerüstet, machte ich mich ans Werk.
Un-ästhetisches. Un-ordentliches. UN-KRAUT!
Jetzt geht es dir an den Kragen!
Und plötzlich das: Inmitten des Unkrauts dieses unglaublich, wunder-, wunder-, wunderhübsche Miniatur Blümchen.
Und könnte es, würde es vielleicht sagen:
Es ist an der Zeit
um-zudeuten
um-zudenken
und
das vermeintlich
Un-Passende und Un-Nötige und
den vermeintlichen
Um-Weg zu
UM-ARMEN.
Damit die Blume sichtbar werden kann.
Im Annehmen liegt der Schlüssel zur Veränderung. 


Mai 2019

Gutes Wachstum?

"Wem genug zu wenig ist, dem ist nichts genug" (Epikur). Über weite Strecken haben wir Wachstum mit Unersättlichkeit gleichgestellt. Immer mehr, weiter, schneller hiess die Devise. Genug war definitiv nie genug. An vielen Orten und in vielen Bereichen ist seit längerem ein Umdenken im Gange. In der Pädagogik (statt Frühenglisch wieder raus in den Wald), in der Wirtschaft (z.B. Gemeinwohl-Ökonomie), im Arbeitsleben (z.B. Verkürzung der Arbeitszeit von 8 auf 6 Stunden/Tag) und im Privaten (müssiges Nichtstun als Burnout Prophylaxe). Heute und in Zukunft werden wir gefordert sein, die tiefen Furchen, die unser unersättliches Wachstum hinterlässt, wie Klimawandel und Insektensterben, zu glätten. Uns darauf zu besinnen, dass mehr nicht immer mehr ist, schneller nicht immer besser. Gleichzeitig: Zu wachsen bedeutet lebendig zu sein. Denn alles Lebendige strebt danach zu wachsen. Gutes Wachstum soll und darf also möglich sein. Die Frage ist, was bedeutet "gutes Wachstum"? Ich mag den Ansatz von Jochen Mariss: "Wachsen heisst: Ganz behutsam und allmählich die uns eigene Grösse zu entwickeln, bis wir den Himmel in uns berühren."
Wachsen, behutsam und langsam. In meinem mir eigenen Tempo. Und wachsen - nicht über mich hinaus, sondern zu mir hin. In meine mir eigene Grösse hinein.
Bis ich den Himmel in mir berühren kann.